Analyse der Meeresboden-Aktivität: Neue Methoden zur Erfassung der Grundschleppnetzfischerei in der Ostsee
Die Untersuchung der Auswirkungen der Grundschleppnetzfischerei auf das Sediment der Ostsee hat durch neue wissenschaftliche Ansätze eine präzisere Dimension erreicht. Zwei Studien des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) belegen, dass die Analyse von Spuren am Meeresgrund eine verlässlichere Aussage über die tatsächliche physikalische Belastung erlaubt als die bisher gängige Auswertung von Schiffspositionen (AIS-Daten).
Sedimentspuren als Indikator für die tatsächliche Belastung
Die herkömmliche Überwachung mittels elektronischer Schiffspositionssysteme weist Defizite auf, da insbesondere kleinere Fischereifahrzeuge in der westlichen Ostsee oft nicht lückenlos erfasst werden. Ein Forschungsteam des IOW, unter Einbeziehung des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, untersuchte daher die physischen Auswirkungen der Fanggeräte direkt im Sediment.
Durch den Einsatz von hochauflösenden Fächerecholoten konnten die Forscher die Oberflächenstruktur des Meeresbodens bis in den Zentimeterbereich vermessen. Dies ermöglichte die Berechnung eines Schleppnetzindex, der das Volumen der durch die Fischerei verursachten Furchen quantifiziert. Die Ergebnisse zeigen signifikante Diskrepanzen zu den AIS-Daten:
- Drastischer Rückgang der Furchen: Im Fehmarnbelt sank das gemessene Furchenvolumen von 5.067 m³ im Jahr 2021 auf 1.108 m³ im Jahr 2022 – ein Rückgang von nahezu 80 %.
- Zunahme ungestörter Flächen: Der Anteil des Meeresbodens ohne nachweisbare Schleppspuren stieg von 14 % (2021) auf bis zu 65 % in den Folgejahren.
- Regenerationsgeschwindigkeit: Die Untersuchungen zeigen, dass Schleppnetzfurchen innerhalb eines Jahres weitgehend verschwinden können.
Trotz der schnellen physikalischen Veränderung des Sediments konnte für die biologische Erholung der Lebensgemeinschaften (z. B. Muscheln, Würmer und Krebse) noch kein eindeutiger Trend nachgewiesen werden, da neben der Fischerei auch andere Umweltfaktoren die Biomasse und Artenzusammensetzung maßgeblich beeinflussen.
KI-gestützte großflächige Kartierung
Um die Methode auf größere Gebiete zu skalieren, wurde ein neuronales Netzwerk entwickelt, das Schleppnetzspuren in digitalen Tiefenkarten automatisch identifiziert. Diese KI-basierte Analyse ermöglichte die Untersuchung von rund 1.069 km² in der Mecklenburger Bucht, der Kieler Bucht, dem Arkonabecken und dem Fehmarnbelt unter Nutzung vorhandener Vermessungsdaten.
Die räumliche Verteilung der Fischereispuren variiert erheblich:
- Kieler Bucht: Über 90 % der untersuchten Flächen weisen Spuren auf.
- Mecklenburger Bucht: Über 80 % der Rasterflächen sind betroffen.
- Arkonabecken: Etwa 40 % der zentralen Flächen zeigen keine Spuren.
Ein interessantes Phänomen in der Mecklenburger Bucht sind großflächige, kreisförmige Areale ohne Fischereispuren. Diese korrelieren mit Sedimentvertiefungen, die vermutlich durch aufsteigende Fluide entstehen und von Fischern aufgrund des Risikos für die Fanggeräte gemieden werden.
Monitoring von Meeresschutzgebieten und Compliance
Die neue Methodik erweist sich zudem als wichtiges Instrument zur Überprüfung von Schutzmaßnahmen. Im Meeresschutzgebiet Fehmarnbelt wurde zwischen 2024 und 2025 ein Anstieg der Fläche mit Schleppnetzspuren von 9 % auf 22 % registriert. Dieser Befund ist besonders kritisch zu bewerten, da eine mobile grundberührende Fischerei in diesem Gebiet seit Dezember 2024 untersagt ist. Während die Spuren nicht immer zweifelsfrei einer spezifischen Zeit zuordbar sind, liefern sie dennoch deutliche Hinweise auf mögliche Verstöße gegen das Fangverbot.
Fazit für den Naturschutz
Die Kombination aus akustischer Vermessung und künstlicher Intelligenz bietet eine effiziente Möglichkeit, Belastungsschwerpunkte in der Ostsee zu identifizieren und die Wirksamkeit von Schutzgebieten zu evaluieren. Für eine ganzheitliche Bewertung der Habitatregeneration wird jedoch empfohlen, die morphologischen Daten künftig verstärkt mit biologischen und geochemischen Untersuchungen zu verknüpfen.
