Segelflug als effizienteste Fortbewegungsart bei Wildvögeln

Segelflug als effizienteste Fortbewegungsart bei Wildvögeln

Effizienz des Segelflugs: Wie Wildtiere atmosphärische Dynamiken zur Energieoptimierung nutzen

Eine umfassende internationale Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Science, stellt gängige biologische Lehrmeinungen zum energetischen Aufwand der Fortbewegung infrage. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass der Segel- oder Gleitflug unter Ausnutzung von Luftströmungen energetisch effizienter sein kann als das Schwimmen. Damit wird die bisherige wissenschaftliche Annahme, dass Schwimmen die kostengünstigste Fortbewegungsart darstellt, in der freien Wildbahn revidiert.

Methodik und Datengrundlage

Die Untersuchung wurde unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie (MPI-AB) und der Swansea University durchgeführt. Das Forschungsteam, bestehend aus 68 Wissenschaftlern, stützte sich auf eine außergewöhnlich umfangreiche Datenbasis:

  • Zeitraum: 17 Jahre Positions- und Beschleunigungsdaten (GPS und ACC) sowie vier Jahre Radardaten.
  • Probanden: 850 Individuen aus 38 verschiedenen Arten (Vögel und Fledermäuse).
  • Gewichtsspektrum: Von 12 Gramm bis über 11 Kilogramm.

Durch den Einsatz von Beschleunigungssensoren (ACC) konnten die Forschenden präzise zwischen energieintensivem Flügelschlag und dem energiearmen Gleiten unterscheiden. GPS-Daten ermöglichten zudem die Korrelation der Bewegungen mit spezifischen Windverhältnissen und Aufwinden.

Diskrepanz zwischen Laborwerten und Realität

In kontrollierten Laborumgebungen – etwa in Windkanälen oder auf Laufbändern – basiert die energetische Rangfolge der Fortbewegung (Schwimmen < Fliegen < Laufen) auf isolierten Messungen. Die neue Studie verdeutlicht jedoch, dass diese Modelle die Rolle der Atmosphäre ignorieren. Ein Vergleich zwischen einem Andenkondor und einem Trompeterschwan mit identischer Körpermasse von jeweils etwa 11 Kilogramm illustriert diesen Unterschied:

  • Der Schwan muss während 99 % seiner Flugzeit aktiv mit den Flügeln schlagen.
  • Der Kondor nutzt Aufwinde so effizient, dass er nur in 0,1 % der Zeit aktiv fliegt.

In der Folge liegen die Transportkosten des Kondors um 79 % unter denen des Schwans, wodurch der Gleitflug die effizienteste Form der Fortbewegung darstellt.

Zwei Strategien der Fortbewegung

Die untersuchten 50 Arten lassen sich in zwei funktionale Gruppen unterteilen, die unterschiedliche ökologische Kompromisse eingehen:

1. Segelflieger (Glider)

Diese Gruppe nutzt thermische Aufwinde und atmosphärische Energie als „kostenlosen Treibstoff“. Dabei zeigt sich eine starke Korrelation zwischen Körpermasse und Effizienz: Je schwerer die Tiere sind, desto geringer ist der Anteil des aktiven Flügelschlags und desto niedriger sind die Transportkosten. Ein Beispiel sind die untersuchten Geierarten, die auf einer Distanz von 4,3 Millionen Kilometern (entspricht über 100 Erdumrundungen) minimale Energie aufwenden konnten. Die Abhängigkeit von spezifischen atmosphärischen Bedingungen ist bei größeren Segelfliegern jedoch höher.

2. Flügelschlagflieger (Flappers)

Diese Tiere, darunter viele Fledermausarten, setzen auf kontinuierlichen Flügelschlag. Diese Strategie ist energetisch kostspieliger, ermöglicht jedoch eine höhere Flexibilität bei wechselnden Wetterbedingungen. Ihr Energieaufwand wird primär durch Windverhältnisse beeinflusst (Rückenwind reduziert die Kosten, Gegenwind erhöht sie).

Ökologische Implikationen und Ausblick

Die Erkenntnisse sind für den Naturschutz und das Management von Tierpopulationen von zentraler Bedeutung. Da sich die atmosphärischen Bedingungen durch klimatische Veränderungen wandeln, werden auch die energetischen Kosten der Migration beeinflusst. Dies kann die Wanderzeiten, Rastplätze und die Zusammensetzung von Tiergemeinschaften maßgeblich verändern.

Künftige Forschungsarbeiten planen, die theoretischen Berechnungen durch direkte physiologische Messungen, wie etwa die Überwachung der Herzfrequenz, zu validieren, um ein noch präziseres Bild des Energieverbrauchs in der freien Natur zu erhalten.